← Zurück zur Ausgabe

Der „Third Place" und das Kloster der Moderne

Ein verschwundener Ort

Am Prinzipalmarkt 25, wenige Schritte vom Roggenmarkt entfernt, stand über ein Jahrhundert lang das Café Schucan. Otto Schucan, ein Konditor aus dem Engadin, hatte es um 1894 gegründet — nach dem Vorbild der Wiener Kaffeehauskultur, mit Billardsaal, selbstgemachten Pralinen und dem unausgesprochenen Versprechen, dass man bleiben durfte, so lange man wollte. Zwei Weltkriege überstand es. Die Bomben des Zweiten Weltkriegs zerstörten es, der Wiederaufbau stellte es wieder her. Generationen von Münsteranern trafen sich hier: Studenten, Kaufleute, Juristen, Familien — Menschen, die kamen, nicht weil sie mussten, sondern weil der Ort etwas bot, das sich schwer benennen lässt und das man erst vermisst, wenn es fehlt.

Am 31. März 1989 schloss das Café Schucan. Die Hussel-Holding hatte das Haus übernommen. Proteste folgten, eine reduzierte Fortsetzung als „Kleines Schucan" bis 1997 auch. Dann war es vorbei. Der Schriftzug am Gebäude ist noch erhalten — als Inschrift in Stein, die an etwas erinnert, das längst nicht mehr da ist.

Was genau fehlte, hat der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg (1932–2022) in seinem im selben Jahr erschienenen Buch The Great Good Place in Worte gefasst: Es fehlte ein Third Place — ein dritter Ort. Nicht das Zuhause, nicht der Arbeitsplatz. Sondern der Raum dazwischen. Ein Ort ohne Agenda, ohne Konsumzwang, ohne Uhr. Ein Ort, an dem Fremde zu Bekannten werden, weil sie denselben Tisch teilen. Oldenburg, der im November 2022 starb, hatte solche Orte nicht als Nostalgieformel gemeint, sondern als gesellschaftliche Infrastruktur: Ohne sie verkümmert das Gewebe einer Stadt.

Münster hat das gespürt. Nicht sofort, nicht laut — aber es hat es gespürt.

Drei Orte, drei Funktionen

Oldenburgs Theorie ist einfach und tiefgreifend zugleich: Jeder Mensch braucht drei Orte. Den First Place – das Zuhause, den privaten Raum. Den Second Place – den Arbeitsplatz, den funktionalen Raum. Und den Third Place – den Ort dazwischen, den öffentlichen Raum, in dem man weder privat noch professionell ist, sondern einfach da.

Merkmale des Third Place: Neutraler Boden. Gespräch als Hauptaktivität. Stammgäste und Fremde gleichermaßen willkommen. Eine Atmosphäre von Wärme und Zugehörigkeit. Kein Eintritt, keine Mitgliedschaft, keine Bedingung. Das Kaffeehaus, das Wirtshaus, der Friseurladen, die Kneipe an der Ecke.

Oldenburgs Diagnose war eine Warnung: Das Verschwinden der Third Places trägt bei zu Einsamkeit, politischer Polarisierung und Verlust von Gemeinschaftsgefühl. Wenn Menschen nur noch pendeln – zwischen Zuhause und Arbeit, zwischen Privatsphäre und Funktion –, verlieren sie den Ort, an dem Gesellschaft entsteht: informell, zufällig, von unten.

Das Kaffeehaus als Rechtsraum

Die Geschichte des Third Place ist älter als Oldenburgs Theorie. Im 17. und 18. Jahrhundert übernahmen Kaffeehäuser in Europa eine Funktion, die weit über den Getränkeausschank hinausging. In London entstanden die coffeehouses als Orte des Nachrichtenaustauschs, der Geschäftsanbahnung, der politischen Debatte. Lloyd's of London – heute einer der größten Versicherungsmärkte der Welt – ging aus einem Kaffeehaus hervor. In Wien prägten Kaffeehäuser das kulturelle und intellektuelle Leben einer ganzen Epoche. In Paris waren die cafés die Geburtsstätten der Aufklärung – Orte, an denen Philosophen debattierten, Pamphlete zirkulierten, Revolutionen gedacht wurden, bevor sie auf die Straße gingen.

Jürgen Habermas hat in seiner Habilitationsschrift Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962) genau diese Kaffeehäuser als Keimzellen der bürgerlichen Öffentlichkeit analysiert: Orte, an denen erstmals ein Publikum entstand, das politisch räsonierte – jenseits von Hof und Kirche, jenseits ständischer Ordnung.

Die Parallele zum Kloster ist überraschend – und aufschlussreich. Auch Klöster waren Orte jenseits der ständischen Ordnung. Auch in Klöstern entstand eine eigene Öffentlichkeit: die Disputation, die Lesung, das Gespräch. Auch Klöster hatten Regeln, die den Umgang untereinander strukturierten – nicht anders als die ungeschriebenen Regeln des Kaffeehauses, in dem Stand und Titel keine Rolle spielen sollten.

Was dem Third Place fehlt, hat das Kloster

Oldenburgs Konzept hat eine Schwäche, die er selbst erkannte: Third Places entstehen nicht intentional. Sie geschehen. Sie sind Nebenprodukte von Gastronomie, von Gewohnheit, von günstigen Mieten. Wenn die Miete steigt, schließt das Café. Wenn das Café schließt, verschwindet der Third Place. Ersatzlos.

Das Kloster hatte etwas, das dem Third Place fehlt: Dauer. Einen Namen. Eine Regel. Eine Gemeinschaft, die den Ort am Leben hielt – nicht aus kommerziellen Gründen, sondern aus Überzeugung.

Das Fraterhaus in Münster – gegründet 1401, von den Brüdern vom gemeinsamen Leben betrieben – war in gewissem Sinne beides: ein Third Place und ein Kloster. Ein Ort der Bildung und der Begegnung, ohne formale Gelübde, aber mit gemeinsamer Haltung. Die Devotio moderna, die Bewegung, der die Brüder angehörten, war keine Ordensgemeinschaft, sondern eine bewusste Lebensgemeinschaft – Menschen, die zusammen lebten, zusammen arbeiteten, zusammen lernten, weil sie es wollten.

Fünfhundert Jahre später steht die Frage unverändert: Wie schaffen wir Orte, die mehr sind als Durchgangsräume? Die nicht verschwinden, wenn die Miete steigt? Die nicht nur Funktion erfüllen, sondern Gemeinschaft stiften?

Community mit Adresse

Das Problem mit dem modernen Community-Begriff ist seine Ortlosigkeit. Laura Lewandowski, Gründerin von Smart Chiefs, hat mit über 100.000 Followern eine der erfolgreichsten Communities Deutschlands aufgebaut. Aber die physischen Treffen finden temporär statt: AI Retreats im Stanglwirt, Strategie-Tage in Luxushotels. Dann fährt man wieder nach Hause. Es gibt kein Community-Gebäude. Keinen Ort, an den man zurückkehrt.

Klöster wären im 8. Jahrhundert nicht entstanden und sofort untergegangen, wenn sie keinen physischen Raum gehabt hätten. Die räumliche Verankerung war konstitutiv für die Gemeinschaftsbildung. Stabilitas loci – die Bindung an einen Ort – war eines der drei benediktinischen Gelübde. Nicht aus Sturheit, sondern aus Einsicht: Gemeinschaft braucht Wiederkehr. Wiederkehr braucht einen Ort. Und ein Ort braucht jemanden, der ihn hält.

Der Sovereign Store am Roggenmarkt 1 ist der Versuch, diese Einsicht in die Gegenwart zu übersetzen. Kein Third Place im Sinne Oldenburgs – denn er ist intentional, nicht zufällig. Kein Kloster im religiösen Sinne – denn er bindet niemanden durch Gelübde. Aber ein Ort, der drei Prinzipien folgt, die sowohl dem Third Place als auch dem Kloster eigen sind: offener Zugang, strukturierte Begegnung, Dauer.

Das Kloster der Moderne ist Community mit Adresse.

Ray Oldenburg: The Great Good Place. Cafés, Coffee Shops, Bookstores, Bars, Hair Salons and Other Hangouts at the Heart of a Community. New York 1989.

Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Neuwied 1962.

~Quellen zum Café Schucan:~
https://de.wikipedia.org/wiki/Cafe_Schucan
https://youtu.be/s7-D_9TGp3U