Die Konstante - über das Leben in Klausur
Täglich um 17.15 Uhr beten die Klarissen am Dom die Vesper. Das war gestern so. Das ist heute so. Es wird morgen so sein. Schwester Conrada, seit 40 Jahren im Konvent, über das Leben in Klausur im provisorischen Kloster, und warum man sich keine Sorgen um die Zukunft machen muss, die man sowieso nicht in der Hand hat. Es ist eine der wenigen Uhrzeiten, auf die in die ser Stadt Verlass ist. Wer wann auch immer an diesem Nachmittag am Dom vorbeikommt, weiß: Die Vesper wird gebetet. Schon seit 1973, als Bischof Tenhumberg die kleine Gemeinschaft hierher berief, weil er am Dom eine Gebets- und Opfergemeinschaft haben wollte. Damit der Dom, wie er es formulierte, nicht so ein Museum ist, sondern wirklich ein Ort des Gebetes. „Wir sind da so eine Konstante“, sagt Schwester Conrada. Sie sitzt einem gegenüber in einem Raum, der gerade ein Provisorium ist. Das Kloster wird sa niert. Die Schwestern haben sich in den hinteren Teil des Gebäudes zurückgezogen, die Zimmer sind enger als sonst, ein Durchgang fehlt, die Pforte wird verlegt. Übergangsweise. Schwester Conrada ist seit 1981 hier, seit 40 Jahren Klarissin am Dom. Sie ist durch größere Veränderungen gegangen als diese
Zwei Häuser, keine Verbindung
Das Gebäude, in dem die Klarissen leben, gehört nicht ihnen. Es gehört dem Domkapitel. Die Schwestern wohnen hier, weil sie ihren Dienst tun – die Vesper und die Mitgestaltung der Morgenmesse am Sonntag. „Wir leben praktisch zur Miete, kann man sagen“, sagt Schwester Conrada. Das Gebäude besteht aus zwei Teilen, die lange nicht miteinander verbunden waren. Das Querhaus, in dem früher der Bischof wohnte, war vom Haupthaus getrennt. Kein Durchgang. Wenn die Schwestern die obere Etage erreichen wollten, mussten sie das Haus verlassen und außen herumgehen. Irgendwann kam die Verbindung, aber die Spu ren dieser gewachsenen Struktur sind noch spürbar: zwei Baukerne, die nicht füreinander geschaffen wur den. Wer heute saniert, saniert nicht einfach ein Haus – er verhandelt zwischen Denkmalschutz, Bauord nungsrecht und kirchlichem Selbstverwaltungsrecht, die alle Ansprüche auf denselben Stein erheben. Die Sanierung soll das nun zusammenführen. Was danach entsteht, wird kleiner sein als das, was die Gemeinschaft einmal hatte. Das Kloster in der Scharnhorststraße, das bis 2001 von Klarissen bewohnt war, war ein riesiger Komplex. „Da passen wir dreimal rein“, sagt Schwester Conrada. Sie ist einmal vorbeige kommen, als es schon abgerissen war. Die Schwestern dort konnten die Größe nicht mehr bewältigen. Heute sind es Büros.

„Dafür sind auch manchmal kleine Räume und wenig Platz auch gut. Dann hat man auch nicht so viel zu mit der Instandhaltung zu tun.''
Vorher waren sie zu neunt. Im letzten Jahr sind zwei gestorben. Jetzt sind es sieben. Der Garten ist da, man kann arbeiten, spazieren gehen. Refektorium und Ka pelle sind etwas größer als die Zellen. Im Provisorium ist auch das geschrumpft.
„Aber wenn man an die Leute in der Ukraine denkt, oder die vielen Leute, die auf der Straße leben, dann geht es uns immer noch gut.''
Klausur mitten in der Stadt
Klarissen haben immer in der Stadt gelebt. Andere Or den, Benediktinerinnen etwa, siedeln eher außerhalb. Das ist kein Zufall und hat einen einfachen Grund: Sie haben kein Einkommen. Sie leben von Geld- und Sach spenden, von dem, was ihnen die Leute bringen. An Markttagen kommen Besucher des Wochenmarkts ex tra vorbei und bringen etwas mit. Dafür muss man er reichbar sein, sichtbar, nah. Und für die Klarissen von Münster gilt das doppelt: Sie beten im Dom, obwohl sie eigentlich sonst in strenger Klausur leben. Deswegen werden sie auch Domklarissen genannt.
„Wir können jetzt nicht erst durch die halbe Stadt zum Gebet marschieren.“
Klausur, das bedeute, sagt Schwester Conrada, Zu rückgezogenheit. Wenn Jugendgruppen kommen und fragen, was das ist, erklärt sie es mit dem Bild der Schulklausur: „Wenn man eine Klausur schreibt, muss man sich auch zurückziehen. Man muss in die Stille gehen. Man muss sich sammeln.“ Das ist die übertra gene Bedeutung. Die wörtliche: „Man verlässt das Haus nur, wenn es notwendig ist. Wenn man zum Arzt oder zur Apotheke muss oder die Post erledigen.“ Früher gab es Außenschwestern, die solche Dinge für die Gemeinschaft erledigten. Die gibt es nicht mehr. Heute lebt jede Schwester in Klausur. Wenn Schwester Conrada zum Arzt geht, erledigt sie gleich alles andere mit. Spontane Spaziergänge gibt es nicht. Kein „Heute ist schönes Wetter, jetzt gehe ich mal raus“. Das klingt für Außenstehende vielmals strenger, als es sich für die Schwestern anfühlt. Schwester Con rada beschreibt es nicht als Einschränkung, sondern als Struktur. Jede Schwester hat einmal, zweimal im Jahr eine Woche Erholung. Der Garten ist da. Das Haus ist da. Und der Dom ist nah. Falls es bei der Sanierung doch so kommt, dass die Gemeinschaft vorübergehend ausziehen muss, gibt es eine klare Bedingung: Sie müssen nah am Dom bleiben. Die Vesper wird im Dom weiter gebetet. Das ist nicht verhandelbar.

Berufung statt Schicksal
Im 19. Jahrhundert waren die Ordensgemeinschaften Münsters noch viel größer als heute. Die Klarissen sind heute nur noch zu siebt. Was ist passiert? Schwester Conrada überlegt kurz. Es seien zwei Dinge, sagt sie. Das erste: das Sich-Binden. Sich für immer zu binden ist heute das eigentliche Hindernis. Nicht der Glaube, nicht das Leben in Gemeinschaft, nicht die Klausur. Das „Für-immer“. Wer käme, müsste wirklich spüren, dass das der richtige Weg ist. Das zweite: die Optionen. Früher gab es keine. Große Bauernfamilien mit zehn, elf, zwölf Kindern – da ging automatisch eines ins Kloster, ob sie wollten oder nicht. „Das war einfach so.“ Mädchen hatten keine Wahl über ihren Lebensweg, wurden verheiratet oder ins Kloster geschickt. Für manche war der Klosterein tritt ein Aufstieg. Für manche eine erspürte Berufung. Für andere ein erzwungenes Leben, in dem sie unzufrieden blieben.Dennoch: bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war das Kloster für Frauen oft der einzige Weg, einen Beruf auszuüben und Unabhängigkeit zu erlan gen – nicht verheiratet zu werden, nicht von der Fami lie abhängig zu bleiben. Schwester Conrada selbst ist eingetreten, als sie noch Friseurin war. Das war in den 1980er Jahren, zu einer Zeit, als Frauen schon längst mehr Wege offenstanden. So war es auch bei ihr. Doch für sie war der Ruf ins Kloster stärker als alle anderen Lebensentwürfe. „Heute stehen den jungen Leuten noch viel mehr alle Türen offen. Wer ins Kloster geht, muss das wirklich wollen und diese Berufung deutlich spüren. Sonst wird das immer schwieriger.“ Auch das Verfahren für den Eintritt hat sich geändert. Es gibt heute eine Kandidaturphase: Man bleibt zu nächst im Beruf, in der eigenen Wohnung, kommt aber regelmäßig zur Gemeinschaft. Dann ein Postulat für ein Jahr. Dann das Noviziat für zwei Jahre, mit dem weißen Schleier. Nach drei Jahren die zeitlichen Gelüb de, mit dem schwarzen Schleier. Nach insgesamt neun Jahren – wenn alles stimmt, wenn es von beiden Seiten passt – die ewige Profess. Aber: Auch danach kann man gehen. Niemand wird gezwungen zu bleiben. Das war früher eine Schande. Heute ist das kein Problem mehr.

Über das Heute und Morgen
Wie wird sich das Ordensleben entwickeln? Die se Frage beantwortet Schwester Conrada nicht mit Prognosen, sondern mit einer Haltung. „Ich lebe heute und ich lebe jetzt mein Leben. Was gestern war, ist vorbei. Was morgen ist, weiß ich nicht. Das was zählt, ist das Heute.“ Das ist keine Resignation. Es ist eine theologische Überzeugung und gleichzeitig etwas sehr Praktisches: Wer ständig deprimiert durch die Gegend läuft und denkt, alles geht zurück, alles wird weniger – der spricht junge Leute nicht an. „Ich habe Freude am Ordensleben“. Das ist die einzige Überzeugungsarbeit, die sie leisten möchte.
„Wenn Gott will, dass das hier weitergeht, dann wird er Leute schicken. Wenn er meint, unser Auftrag ist beendet, dann wird er einen anderen Platz für uns bereitet haben. Da muss ich mir jetzt gar nicht so große Sorgen drüber machen.“
Das ist, wenn man es von außen betrachtet, bemerkenswert gelassen und so gar nicht fatalistisch. Man macht sich seine Gedanken, man schaut, wie es weiter gehen könnte. Aber die Grundhaltung bleibt: Das Heute hat Vorrang vor der Angst um das Morgen.
DJ Padre Guilherme und die KI-Beichte
Gegen Ende des Gesprächs kommen zwei Themen zur Sprache, die in einem Klostergespräch nicht selbst verständlich sind. Das erste: Padre Guilherme Peixoto, ein portugiesischer Priester, der beim Weltjugendtag 2023 in Lissabon mit Techno-DJ-Sets bekannt wurde – elektronische Beats, gemischt mit Botschaften von Papst Franziskus. Schwester Conrada hört interessiert zu. Dass die Kirche neue Wege sucht, junge Menschen zu erreichen, ist für sie nichts Neues. Sie antwortet pragmatisch: Computer, Internet, Zeitungen, Radio, Fernsehen – alles da, für die Schwes tern, die es wollen. Auch über KI liest sie, wenn sie darauf stößt. Eine Geschichte bringe sie zum Schmunzeln. Eine Mitschwester habe ihr von einer KI berichtet, die über das „Mattenkapitel“ der Franziskaner recher chiert habe. Das Mattenkapitel hat allerdings nichts mit Matten zu tun – der Name kommt vielmehr daher, dass die großen Gemeinschaftsversammlungen früher im Sommer draußen auf Wiesen stattfanden, mit Mat ten zum Sitzen. Die KI hatte daraus etwas ganz anderes gemacht. „So viel dazu.“ Es klingt nicht abwertend, eher amüsiert. Manches, scheint sie sagen zu wollen, steht nicht in den Texten, die eine Maschine lesen kann - sondern lebt in den Menschen, die es weitergeben.
Dann die Frage nach KI in der Liturgie. In der Peterskapelle in Luzern stand 2023 zwei Monate lang ein KI-Jesus im Beichtstuhl, trainiert mit dem Neuen Testament, generiert mit ChatGPT, fähig, in hundert Sprachen zu antworten. Ein Kunstprojekt, kein Ersatz für echte Seelsorge, sagten die Macher. 60 Prozent der Besucher fühlten sich religiös-spirituell angeregt. Was hält Schwester Conrada davon?
„Gerade sowas wie die Beichte – ich persönlich würde nicht da mit so einem Kasten beichten. Entweder ist da ein Priester, oder nicht. Eine künstliche Intelligenz kann nicht beurteilen, ob jemand wirklich bereit zur Absolution ist. Das ist ein Prozess zwischen Menschen.“
Und doch: offen zumindest, sich das anzugucken, sei sie. Wenn es immer weniger Priester gibt, könnte das irgendwann kommen. Wie sich das entwickelt, hat man sowieso nicht in der Hand. Das ist, wenn man es so betrachtet, genau dieselbe Haltung wie beim Ordensle ben: achtsam im Blick, aber ohne Kontrollangst.
