Das Why: Vom Traum zur Wirklichkeit
Wie eine „verrückte Idee“ zum Sovereign Store wurde – und warum das Recht zurück in die Mitte der Gesellschaft gehört
1. Der Funke: Ein Schaufenster, ein Moment, eine Idee
Verrückt. Genau dieses Wort ging mir durch den Kopf, als ich im milden Morgenlicht eines Augusttages 2024 die überraschend deutlichen Verfallserscheinungen an der Schaufensterfront unseres Gebäudes am Roggenmarkt 1 bemerkte. Es war seltsam: Jahrelang war ich an diesem Schaufenster vorbeigegangen, ohne ihm je wirklich Aufmerksamkeit zu schenken. Doch dieser Tag war anders. Vielleicht war es der Kontrast zwischen dem stolzen historischen Standort und dem verblichenen Charme einer Damenboutique, deren Niedergang mir bis dahin entgangen war.
Wenige Tage später, als ich erneut an der Boutique vorbeiging, hing dort ein Schild: „Unsere Filiale ist ab sofort dauerhaft geschlossen.“ Es wirkte geheimnisvoll, und ich fragte mich, was genau dahintersteckte. In diesem Moment – wie der Funke, der eine lang schlummernde Idee entzündet – schoss mir ein Gedanke in den Kopf: Warum sollten wir, nachdem wir erst kürzlich im ersten Obergeschoss weitere Kanzleiräume angemietet hatten, nicht auch das Erdgeschoss nutzen? Einen barrierefreien Zugang schaffen zu dem, was die Menschen oft als fern und unzugänglich empfinden: zum Recht?
Noch bevor ich die Idee vollständig fassen konnte, tauchte in meiner Erinnerung das Bild eines Mannes auf, der sich in Hannover, der Stadt meiner Jugend, als Messebauer einen Namen gemacht hatte: Claus Holtmann. Vor über zehn Jahren hatten wir uns dort kennengelernt. Ich erinnerte mich an seine Art, über Ideen und Geschäftsmodelle zu sprechen – klar, inspirierend und stets einen Schritt weiter denkend.
Kurzerhand schickte ich ihm eine SMS, ob er Zeit für ein Telefonat hätte. Keine fünf Minuten später klingelte mein Telefon. Claus Holtmann war irgendwo in Afrika, kurz davor, in ein Flugzeug nach Nairobi zu steigen, aber er wollte unbedingt hören, was ich zu sagen hatte. In wenigen Minuten erzählte ich ihm von meiner noch völlig unfertigen Idee.
Noch am gleichen Abend erreichte mich sein Memo, dessen Klarheit und Vision mich verblüfften. Das, was ich nur geahnt hatte, beschrieb er mit bemerkenswerter Präzision: „Juristen sitzen fast ausschließlich in höheren Etagen und empfangen dort nur nach Voranmeldung. Warum eigentlich? Warum könnte man nicht ein interessantes, einladendes Ladengeschäft an einem historischen Standort eröffnen, das mit einem zeitgemäßen und ansprechenden Konzept potenzielle Kunden direkt und unmittelbar anspricht – ganz ohne Barrieren, mitten in der Stadt?“
Diese Sätze wurden zur Initialzündung für das, was in den darauffolgenden Monaten Gestalt annahm: ein lebendiger Ort mitten in Münster, ein Raum, in dem Recht, Geschichte und Kunst auf eine Weise verschmelzen, die gleichermaßen inspirierend wie greifbar ist. Der Sovereign Store war geboren – nicht bloß als weitere Kanzleifläche, sondern als ein Ort, der Menschen zusammenbringt, der rechtliche Selbstbestimmung nicht theoretisch, sondern unmittelbar erfahrbar macht.
2. Die Wurzeln: Ein Capital-Interview und das Bewusstsein für Zugang
Doch die Idee eines barrierefreien Zugangs zum Recht lag bereits ein Jahr zuvor in der Luft, als mir im Juni 2023 bewusst wurde, dass etwas grundsätzlich nicht stimmte mit der Art, wie Recht in unserer Gesellschaft wahrgenommen wird. „Besser mit Schutzhelm“ lautete der Titel des Artikels in der Juni-Ausgabe des „Capital“, in dem unsere Kanzlei als eine von 21 Kanzleien in der Kategorie „Privates Baurecht“ als „Deutschlands beste Anwälte“ ausgezeichnet worden war.
Monika Dunkel, Redakteurin des „Capital“, hatte mich kurz zuvor angerufen und zu einem Interview eingeladen. Da wir als überregional tätige Baurechtskanzlei besonders häufig empfohlen worden seien, wolle sie uns in der nächsten Ausgabe exklusiv vorstellen. Wir hatten uns in unserem Hannoveraner Büro verabredet, der unmittelbar an der Eilenriede gelegenen, denkmalgeschützten Villa des Generalfeldmarschalls Alfred Graf von Waldersee. Diese war zu einer Zeit errichtet worden, als man noch auf das Inkrafttreten der bis heute maßgeblichen Kodifikation des deutschen Zivilrechts (BGB) wartete.
In diesem Interview hatte sich Monika Dunkel nach den Herausforderungen für Bauherren erkundigt. Der Bau einer Immobilie sei für diese nicht selten die größte Investition und bisweilen von existenzieller Bedeutung, so meine Antwort damals. Deshalb sei es nicht unproblematisch, dass Bauherren regelmäßig auf Bauprofis treffen würden, die geradezu Meister darin seien, sich ihrer Verantwortung und ihrer Haftung zu entziehen. Auch wenn es unzählige seriöse Handwerker gebe, die ihre Arbeit gewissenhaft verrichten, seien die Abrechnungen der Leistungen wie auch der Umgang mit Mängeln durch die ausführenden Firmen nicht selten im Grenzbereich zum Betrug anzusiedeln.
Beim Lesen des Interviews wurde mir klar: Das Problem liegt tiefer. Es geht nicht nur um Rechtsstreitigkeiten oder Bauprojekte. Es geht darum, dass Recht unerreichbar geworden ist – räumlich, intellektuell, emotional. Es erscheint als fernes, undurchschaubares Gebilde.
„Andreas Koenen steigt Gerichten aufs Dach: Der Baurechtler hilft bei Ärger mit Handwerkern, Architekten oder Bauämtern“ – so hieß es unter dem Titelfoto, für das ich gebeten wurde, auf eine unserer Bibliotheksleitern zu steigen (vgl. Foto auf Seite 114).
Viele haben mich auf diesen Artikel angesprochen, durch den mir deutlich wurde, dass es nicht darum geht, wie und mit welchem Erfolg man vor Gericht „kämpft“, sondern wie verhindert werden kann, dass es so weit kommt. Wie können Menschen befähigt werden, ihre rechtliche Position zu verstehen, bevor sie in Schwierigkeiten geraten? Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los. Wissen schafft Souveränität. Souveränität schafft Recht. Die Formel begann Gestalt anzunehmen.
3. Das Bild des Juristen: Störenfried oder Wegbereiter?
Ein Architekt, den ich bei einem Bauvorhaben kennengelernt habe, das ich seit einigen Jahren als Bauanwalt betreue, fasste das am Bau verbreitete Bild von Juristen wie folgt zusammen: An der Universität Dortmund habe der Professor in der ersten Vorlesungsstunde empfohlen, in dem Moment, in dem ein Rechtsanwalt eine Baustelle betrete, diese zu verlassen.
Die Folge: Baubeteiligte schrecken davor zurück, ihren anwaltlichen Berater sichtbar zu machen, aus Befürchtung, dass dadurch Streit entstehe und die Baustelle aus dem Ruder laufe. Und genau das wolle man am Bau nicht.
Begriffe wie „Sonderfachmann Recht“, „Juristische Projektsteuerung“ oder „Juristisches Baumanagement“ haben sich nicht durchgesetzt. Ein Rechtsanwalt würde die Interessen seines Mandanten auf „Biegen und Brechen“ durchsetzen und die entstandenen Konflikte nicht lösen. Er beschwöre sie geradezu herbei – so das Bild vom Juristen am Bau.
Was aber ist der Kern dieser Befürchtung? Ist es, wie bisweilen unterstellt wird, etwas Manipulatives oder die Sorge, dass das Feuer des Konflikts aus eigenen wirtschaftlichen Interessen geschürt wird? Oder geht es um etwas anderes? Ist es letztlich nicht das undurchschaubare Recht, das demokratisch legitimierte Gesetz, das hier ferngehalten werden soll? Und wenn dies zutreffen sollte: Sollten wir Juristen dann nicht dazu beitragen, dass Recht sichtbarer wird? Transparenter? Zugänglicher?
4. Das Why: Erfahrung und Persönliches
Nach der Eröffnung des Sovereign Store bin ich immer wieder gefragt worden: „Was kann man hier kaufen?“ Dies ist auch die mit Abstand häufigste Frage, die den im Store tätigen Sovereign-„Botschaftern“ gestellt wird.
Hintergrund ist die Erkenntnis, die sich zwischenzeitlich herumgesprochen hat: Der Sovereign Store wie auch das Projekt „Sovereign“ insgesamt sind nicht das Ergebnis der Suche nach neuen Geschäftsmodellen. Um die damit verbundene Frage nach dem „Warum“ beantworten zu können, muss ich weiter ausholen. Sehr viel weiter. Zurück in die Jahre, in denen ich davon überzeugt war, einen ganz anderen Weg einschlagen zu sollen.
Ich bin, wie viele meiner Generation, in einer religiös geprägten Umgebung aufgewachsen. Mit meiner aus dem Rhein- und dem Münsterland stammenden Familie lebte ich als Katholik in einer Region (Hannover), in der die evangelische Kirche prägend war. Von klein auf ging ich in den Gottesdienst und nahm am kirchlichen Leben teil. Ich wurde Messdiener in der Ortskirche und blieb es. Ruhe, Kontemplation, Gesang und Fokus auf das, was wirklich zählt.
Ich verließ Hannover, um an der größten theologischen Fakultät Europas zu studieren. Früh kamen mir allerdings Zweifel, ob die Realität meines Wunschberufs, die Enge und die kirchlichen Strukturen das Richtige für mich wären. Daraufhin entschied ich mich für eine Erweiterung meiner Studienfächer – Geschichte, Politik- und Rechtswissenschaft. Das Studium der Alltagsgeschichte gehörte zu den Schwerpunkten, was vor allem auf meinen akademischen Lehrer, Prof. Dr. Arnold Angenendt, zurückzuführen war. Im Zentrum der – auch soziologisch bedeutsamen – Geschichte der Religiösität standen die Klöster, nicht nur im Hinblick auf Sprache und Kultur, sondern auch im Hinblick auf die Entwicklung des Rechts in Mitteleuropa. Ohne die Schreibstuben der Klöster (Scriptorien), in denen die Texte des Altertums und des Mittelalters vervielfältigt wurden, ohne ihre Erfolge als Lehranstalten wäre viel Wissen verloren gegangen. Hier wurde Wissen verwahrt und geteilt.
Erst viele Jahre später (2017) wurde mir durch einen Vortrag von Prof. Dr. Armin Nassehi auf dem BDA-Tag im Münsteraner Stadttheater die Bedeutung dieser soziologischen Strukturen bewusst. Seinen Erkenntnissen nach gibt es unter soziologischem Blickwinkel nur drei Lebensformen: das Dorf als kleinste Einheit mit starker gegenseitiger Verpflichtung und Kontrolle, die Stadt mit einer nicht unproblematischen Distanz untereinander und als dritte Form das Kloster – Gegenmodell zu Stadt und Dorf, eine Gemeinschaft, in der Wissen, Ordnung und innere Haltung vereint sind.
5. Die Verwirklichung: Ein „Kloster der Moderne“
Als ich im Herbst 2024 von einer ärztlichen Diagnose erfuhr, die sich erst Monate später als unrichtig bzw. harmlos herausstellen sollte, wurde mir klar: Wenn ich nur noch ein Projekt zu Ende führen könnte, dann sollte es dieses sein. Der Sovereign Store war ab diesem Moment für mich nicht mehr nur eine Idee, sondern mein Vermächtnis. Der heute verwendete Begriff „Kloster der Moderne“ entstand allerdings erst später, während eines Retreats in den österreichischen Bergen, in dem es um die Möglichkeiten und Grenzen Künstlicher Intelligenz ging.
Unter unternehmerischen Gesichtspunkten ist die Verwendung dieses Begriffs durchaus riskant, da er zu eng mit den christlichen Kirchen verbunden ist, die ihre Glaubwürdigkeit in den letzten Jahrzehnten stark eingebüßt haben. Dass ein Kloster ein Ort der Ordnung, des Wissens, der inneren Haltung war und ist, ein Ort, an dem Menschen lernen und sich selbst finden, an dem sie befähigt werden, souveräne Entscheidungen zu treffen – das gerät dadurch in den Hintergrund.
6. Das Recht zurück in die Mitte der Gesellschaft
Recht muss seinen Platz dort haben, wo es hingehört: in der Mitte der Gesellschaft. An einem Ort, an dem man nicht nur einzelfallbezogene juristische Beratung erhält, sondern Recht als kulturelle Errungenschaft wie auch die Bedeutung rechtlicher Souveränität erleben kann.
Mein persönlicher Weg, meine 25-jährige Erfahrung als Bauanwalt – sie fließen in dieses Projekt ein. Sie sind Teil der Einladung, Souveränität nicht nur zu verstehen, sondern zu erfahren.
Das Interview im „Capital“ hat mir bewusst gemacht: Es braucht einen barrierefreien Zugang zum Recht. Und die „verrückte Idee“ vom August 2024 ermöglicht ihn nun.